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Bücher aus der Bibliothek von Gustav Gabriel Cohn

31. Januar 2018
von Redaktion — abgelegt in: Aktuelles,Hamburg — 604 Aufrufe

Von Anna von Villiez.

Das einzige erhaltene Bild von Gustav Gabriel Cohn (1863– 1942), Quelle: Privatbesitz

 

Am 22. Januar konnte die Stabi in Kooperation mit dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden 10 Bücher im Rahmen einer Restitution auf den Weg nach Israel bringen. Die Werke, allesamt Hebraika, stammten ursprünglich aus der Bibliothek von Gustav Gabriel Cohn, einem Hamburger Fondsmakler, der im Laufe seines Lebens eine umfangreiche Privatbibliothek zu religiöser Literatur des Judentums aufgebaut hatte.

Cohns Bücher gelangten, vermutlich im Rahmen der Beschlagnahmung des Besitzes nach seiner Deportation, in den Bestand der Stabi, wo sie im sogenannten „Altbestand“ erst viel später entdeckt und eingearbeitet wurden.

Gustav Gabriel Cohn wurde in Rawitsch im damaligen Posen als Sohn des jüdischen Religionslehrers Markus Cohn und seiner Frau Pauline geb. Brie geboren. Als junger Mann ging er nach Berlin, wo er etwa zehn Jahre verbrachte und unter anderem am Rabbinerseminar seine Ausbildung absolvierte. Noch in Berlin entschied er sich dann für eine weltliche Karriere als Bankier und Finanzmakler.

Stempel aus Cohns Zeit in Berlin

Stempel aus Cohns Zeit in Berlin finden sich in vielen der Bücher.

 

In Hamburg lebte er seit etwa 1887, wo er seit etwa 1900 in der Grindelallee 166 zusammen mit seiner wachsenden Familie eine geräumige Wohnung bewohnte, in der er über fast vier Jahrzehnte seine Bibliothek erweiterte. Seine sechs Söhne wurden zwischen 1893 und 1910 geboren.

Seit 1933 war die Familie Cohn durch die fortschreitende Verfolgung auseinandergerissen worden. Gustav Gabriel Cohns Frau Ella war bereits 1917 jung verstorben. 1935 gingen die Söhne Adolph (Niederlande) und Leon (Palästina) ins Exil. Marcus folgte Adolph 1937 in die Niederlande, ging dann über London schließlich nach Argentinien. Sohn Simon floh 1939 nach Frankreich. Nur Nathan Walter blieb in Hamburg. Gustav Gabriel Cohn selber musste mehrfach umziehen. Er zog zunächst in eine kleinere Wohnung in der Klosterallee. Noch 1942 lebte er zwangsweise in die Dillstraße 15, eines der sognannten „Judenhäuser“, in denen Juden unter sehr beengten Verhältnissen kaserniert wurden.

Unterschrift Cohn

Diese Unterschrift von Gustav Gabriel Cohn fanden wir in der Mehrheit der über 70 Bücher, die als Raubgut aus seiner Bibliothek in die Bestände der Stabi kamen.

 

Vermutlich nahm er zumindest einen Teil seiner Bibliothek dorthin mit. Der mit Cohn befreundete Lehrer Jakob Katzenstein beschrieb nach dem Krieg Cohns Verhältnis zu seinen Büchern: „Ich war [zum] Zeitpunkt der Deportierung von Herrn Cohn noch in Hamburg und habe Herrn Cohn noch einen Tag vor der Deportierung gesehen. […] Der Gedanke, dass Herr Cohn freiwillig seiner Bibliothek oder Teile derselben [wegge-]geben haette, ist einfach absurd. Für Herrn Cohn bedeutete der Besitz der Bibliothek nicht ein Hobby, sondern die Beschäftigung mit einem Lebensinhalt. Selbst schwere wirtschaftliche Notlage hätte Herrn Cohn nicht veranlassen können, seine Bücher aufzugeben. Ich bin sogar davon überzeugt, dass Herr Cohn lieber gehungert hätte als sich von seinen Büchern zu trennen.“ Vgl. StAHH, 213-13 6039, Erklärung J. Katzenstein, 4.12.1958.

Die Verfolgung nahm für Gustav Gabriel Cohn und seine Söhne im Sommer 1942 lebensbedrohliche Züge an: Am 11. Juli 1942 wurde Nathan Walter Cohn 47jährig aus Hamburg nach Auschwitz deportiert. Sein Vater, Gustav Gabriel, vier Tage später nach Theresienstadt. Adolph Cohn, der in Amsterdam inzwischen Frau und zwei Kinder hatte, ging in den Untergrund. Im August wurde Simon Cohn in Frankreich inhaftiert und über Drancy nach Auschwitz deportiert.

Buchrücken

Erst beim zweiten Hinsehen verstanden wir, dass diese Prägung auf dem Buchrücken nicht etwa auf den Autoren sondern auf Markus Cohn als Vorbesitzer hinweist. Er hinterließ seinem Sohn Gustav Gabriel seine Bibliothek, die zum Grundstock für dessen Sammlung wurde.

 

Gustav Gabriel Cohn und seine Söhne Nathan Walter und Simon überlebten den Holocaust nicht. Adolph Cohn und seine Familie musste bis Kriegsende immer wieder ihr Versteck wechseln. Seine Söhne Michal und Uriel, 2- bzw. 5jährig, waren, oft auch getrennt von den Eltern, auf Bauernhöfen untergebracht. Sie überlebten mit viel Glück. Adolphs Sohn Uriel Cohn lebt heute in der Nähe von Jerusalem und wird die Bücher wieder in die Obhut der Familie nehmen.

Die Provenienzrecherche gestaltete sich als aufwendig, da immer neue Besitzvermerke auch auf die Bibliothek Gustav Gabriel Cohns zurück zu führen waren.

Dazu gestaltete sich der Versand nach Israel als kompliziert, konnte nun aber mit Hilfe des Auswärtigen Amtes erfolgen. Aus logistischen Gründen wurden zunächst 10 Bücher restituiert. Drei Bände stammen aus dem 16. Jahrhundert und gehörten damit zu den ganz frühen Buchdrucken. Das Werk von Yitsḥaḳ Natan ben Ḳalonimus stammt dabei aus den Beständen des „Instituts für die Geschichte der deutschen Juden“, das sich für diese Restitution mit der Stabi zusammengetan hat:

Auch alle anderen nun restituierten Bände lassen sich noch im Katalog einsehen und ihre Raubgut-Geschichte nachvollziehen. Für die noch in den Stabi-Beständen verbliebenen Bücher aus der Sammlung Cohn soll ebenfalls schnellstmöglich im Einvernehmen mit den Erben eine Lösung gefunden werden. Ende Februar wird nun auch ein Stolperstein für Gustav Gabriel Cohn verlegt werden.

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