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Stabi restituiert gemeinsam mit der ZB Recht NS-Raubgut an die Friedrich-Ebert-Stiftung

18. November 2021
von Redaktion — abgelegt in: Aktuelles,Hamburg — 493 Aufrufe

Von der Arbeitsstelle Provenienzforschung.

Stabi-Direktor Prof. Robert Zepf und Regine Schoch von der FES mit der Restitutionsvereinbarung

Stabi-Direktor Prof. Robert Zepf und Regine Schoch von der Friedrich-Ebert-Stiftung mit der Restitutionsvereinbarung

Am 17. November 2021 hat die Stabi zusammen mit der Zentralbibliothek Recht über 100 Bücher, Briefe und Materialien zu Otto von Bismarck an die Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. restituiert. Die Unterzeichnung der Restitutionsvereinbarung und die Übergabe der Sammlung fanden in Gegenwart einer Vertreterin der FES und einiger geladener Gäste statt. Im Rahmen der Zeremonie wurde auch noch einmal die wechselvolle Geschichte der ursprünglich in Aumühle ansässigen „Bismarck-Bücherei Specht“ nachgezeichnet, die 1927 an den SPD-eigenen Auer-Verlag verkauft worden war und zur Zeit des Nationalsozialismus als Raubgut in den Bestand der Staats- und Universitätsbibliothek gelangte.

Ex-Libris der Bismarck-Bücherei Specht

Ex-Libris der Bismarck-Bücherei Specht

Im Zuge der Provenienzforschung wurde vor einiger Zeit im Bestand der Stabi ein interessanter Fund gemacht: 125 Bücher zu Fürst Otto von Bismarck, zwei Kopien von Bismarck-Briefen und ein Liederheft. Alle diese Materialien rund um den früheren Reichskanzler stammten aus dem Besitz des Auer-Verlags, der seinerseits der SPD gehörte. Auf den ersten Blick erschien das paradox: Bismarck als Sammlungsobjekt der SPD? Der Zusammenhang erschloss sich nach und nach: Die „Bismarck-Bücherei Specht“, zu der die Briefe und Bücher gehörten, war ursprünglich als Sammlung des Bismarck-Verehrers Emil Specht aus dem Sachsenwald entstanden. Auf seine Initiative war Ende des 19. Jahrhunderts in Aumühle auch der Bismarck-Turm nach Plänen des Hamburger Architekten Hermann Schomburgk erbaut und darin ein öffentlich zugänglicher Ort für Spechts Bismarck-Bibliothek geschaffen worden. Nach Spechts Tod erwarb die Gemeinde Aumühle zwar den Turm, die darin befindliche Bücherei wurde 1927 aber teilweise an den SPD-eigenen Auer-Verlag verkauft und das Gebäude für die Öffentlichkeit geschlossen.

Bücher aus der Bismarck-Bücherei

Bücher aus der Bismarck-Bücherei

Der Auer-Verlag hatte eine eigene Bibliothek, arbeitete erfolgreich als Auftragsdruckerei, gab Schriften von Marx, Engels, Bebel und Liebknecht heraus und publizierte die in sozialdemokratischen Kreisen vielgelesene Tageszeitung „Hamburger Echo“. Wir können nur spekulieren, warum gerade der Auer-Verlag in der Weimarer Republik die Bismarck-Bibliothek kaufte – war es aus Interesse am früheren Reichskanzler Otto von Bismarck als Verantwortlichem für die Sozialistengesetze der 1870er Jahre? In jedem Fall blieben die Bücher zunächst in der Bibliothek des SPD-Verlages. Im Zuge der NS-Verfolgungsmaßnahmen gegen die Sozialdemokratie wurden aber bereits im Mai 1933 der Verlag und Teile seiner Verlagsbibliothek konfisziert. Die obengenannten Bücher und Briefe stammen aus dieser Beschlagnahmung und wurden in den Jahren 1937-1939 als „Geschenk“ der Gestapo Hamburg in den Bestand der heutigen SUB Hamburg eingearbeitet. Sechs dieser Bücher sind zwischen 1949 und 1954 in die Bibliothek des Instituts für Auswärtige Politik übernommen worden. Nach 1973 war die Bibliothek des Instituts für Internationale Angelegenheiten zuständig, diese ist seit 2004 Teil der Zentralbibliothek Recht.

Prof. Zepf bei seinem Vortrag

Prof. Zepf bei seinem Vortrag

Die Provenienzforschenden an der SUB deckten nach und nach die Geschichte der Bismarck-Bücherei auf und bereiteten eine Restitution der beschlagnahmten Bücher vor. Aber an wen? Die Recherchen zum heutigen rechtmäßigen Eigentümer führten schließlich zur Friedrich-Ebert-Stiftung, die in der Tradition des ehemaligen SPD-Parteiarchivs die Restitutionsansprüche der Partei auf NS-Raubgut wahrnimmt. Dies umfasst auch die beschlagnahmten Bestände des Auer-Verlages. In Anerkennung des Unrechtskontextes der Erwerbung haben nun die Stabi und die ZB Recht die oben genannten Bücher und Materialien an die Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. zurückgegeben. Dies geschieht auf der Grundlage der 1998 verabschiedeten „Washingtoner Erklärung“.

Die Bücher der Bismarck-Bücherei Specht, an deren Schicksal sich exemplarisch die teils gewaltsamen Umbrüche der deutschen Geschichte zeigen, werden zukünftig in der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung für die Forschung zur Verfügung stehen. Und wie die Bonner Kollegin am Rande der Übergabe bemerkte, sollen sie ihren Platz direkt neben der Bibliothek von Karl Marx finden, eine Aufstellung, die sich der Sammler und bekennende Sozialisten-Gegner Emil Specht wohl nicht hätte träumen lassen.

Bücher aus der Bismarck-Bücherei

Bücher aus der Bismarck-Bücherei

Eine Antwort zu “Stabi restituiert gemeinsam mit der ZB Recht NS-Raubgut an die Friedrich-Ebert-Stiftung”

  1. Thomas Kiefer sagt:

    Wie die Bismarck-Bibliothek zum Auer-Verlag gekommen ist, sollte in Aumühle zu sehen sein. Nachkommen des Reichskanzlers waren zum Teil kämpferische Sozialisten:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Minna_Specht

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