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Auf der Suche nach Nelly: Bücher erzählen Geschichte(n)…

10. April 2019
von Redaktion — abgelegt in: Aktuelles — 675 Aufrufe

Zum 1. Internationalen Tag der Provenienzforschung am 10. April 2019 (→ Pressemitteilung [PDF])

Von Ulrike Preuß

Ist Ihnen das schon mal passiert?

Sie müssen für eine Seminararbeit über einen französischen Dichter noch eine Quellenangabe ergänzen und bestellen sich ein Buch mit seinen Gedichten in der Stabi. Aus irgendwelchen Gründen dürfen Sie das Buch jedoch nicht entleihen, sondern nur im Handschriftenlesesaal benutzen. Als Sie das Buch aufschlagen, stolpert Ihr Blick über das im vorderen Buchdeckel eingeklebte, künstlerisch gestaltete Exlibris:

Und auf einmal interessieren Sie sich nicht nur für die Geschichten, die in dem Buch enthalten sind, sondern für die Geschichte des Buches selbst – und die seiner Vorbesitzerin.

Wer mag diese Nelly, der das Buch offenbar gehörte, gewesen sein? War sie Hamburgerin? Ob sie noch andere französische Bücher besaß? Vielleicht hat sie auch Französisch studiert – so wie Sie?

Oder war sie Künstlerin? Hat sie das Exlibris vielleicht sogar selbst gestaltet?

Und wie ist das Buch wohl in die Stabi gekommen – hat Nelly es der Bibliothek möglicherweise geschenkt? Oder hat die Stabi es in einem Antiquariat erworben?

Genau diese Fragen nach der Herkunft eines Buches, einer Sammlung oder eines Kunst- oder Kulturobjekts versucht die Provenienzforschung (vom Lateinischen provenire = herkommen, entstehen) zu beantworten.

Insbesondere Museen, Archive und Bibliotheken, aber auch Auktionshäuser und Antiquitätenhändler sind an der wissenschaftlichen Erforschung und Verzeichnung früherer Besitzverhältnisse der in ihrem Bestand vorhandenen Kunst- oder Kulturobjekte interessiert, da über eine möglichst lückenlose Provenienzkette zum einen die Authentizität und Originalität eines Objekts belegt werden kann, zum anderen Sammlungszusammenhänge nachverfolgt werden können.

Letzteres ist vor allem für Forscher und Wissenschaftler aller historischen Fachbereiche interessant – und auch für die besitzenden Institutionen selbst. So lassen sich noch heute Sammlungssegmente im Bestand der Stabi identifizieren, die für die Geschichte der Bibliothek oder sogar die Geschichte Hamburgs bedeutsam sind….

...wie zum Beispiel die Sammlung der Bibliothekars-Brüder Wolf....

…wie zum Beispiel die Sammlung der Bibliothekars-Brüder Wolf…

…oder die Bücher aus dem Nachlass des früheren Hamburger Landgerichtsdirektors Ascan. W. Lutteroth.

In den letzten 20 Jahren ist darüber hinaus die Frage nach der Rechtmäßigkeit von Besitzverhältnissen in den Fokus der Provenienzforschung gerückt, vor allem im Zusammenhang mit der Forschung zu und der Suche nach NS-Raubgut oder im Verlauf von Kriegshandlungen verbrachtem Beutegut.

In Übereinstimmung mit den Washingtoner Prinzipien von 1998 durchsucht die SUB Hamburg seit 2006 ihre Bestände nach NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut, dokumentiert die Ergebnisse dieser Forschung in ihren Katalogen, durch Veröffentlichungen und Ausstellungen und ist bemüht, die eindeutig als Raubgut identifizierten Objekte den rechtmäßigen Eigentümern oder ihren Erben zurückzugeben bzw. mit ihnen zu einer „fairen und gerechten Lösung“ zu kommen.

Die entscheidenden Fragen dieses wichtigen Bereichs der Provenienzforschung sind:

  • Wer war der/die frühere, rechtmäßige Eigentümer*in des Buches?

    Hierzu können Hinweise im und am Objekt selbst (Stempel, Exlibris, Signaturen, Etiketten, handschriftliche Besitzvermerke oder Notizen, Widmungen, Zugangs- oder Inventarnummern) wertvolle Informationen liefern.

  • Wie waren die Umstände, unter denen er oder sie das Buch verloren / verkauft hat? Gibt es Hinweise auf einen Verfolgungshintergrund?
  • Wie / über welche Institutionen oder Personen ist das Buch in den Bestand der SUB Hamburg gelangt?

    Zu dieser Fragestellung werden institutions-interne und –externe Informationsquellen wie Kataloge, Zugangsjournale, Aktenbestände, Verkaufsunterlagen, Auktionskataloge und Erwerbungs-korrespondenz etc. ausgewertet

  • Lassen sich die rechtmäßigen Eigentümer (i.d.R. die Erben) ausfindig machen?

Und Nelly?

Zwar wissen wir dank der Zugangsnummer, die auf ein „Geschenk“ von der Gestapo verweist, dass es sich bei dem fraglichen Buch tatsächlich um NS-Raubgut handelt.

Aber wer Nelly tatsächlich war, wo sie lebte und was ihr geschehen ist, das ließ sich – bis jetzt – noch nicht herausfinden. Sie bleibt einer unserer offenen Fälle, die uns immer wieder ermahnen, die Geschichten hinter den Büchern nicht zu vergessen.

2 Antworten zu “Auf der Suche nach Nelly: Bücher erzählen Geschichte(n)…”

  1. Jörg Beleites sagt:

    In vielen Büchern der Hamburg-Abteilung der SUB findet sich vorne das mit einem Wappen versehene ExLibris von „August Kasch“. Immer wieder hat es mich in den vergangenen Jahren gefreut, dass er so viel gesammelt hat und dass die SUB viele (oder alle?) seiner Schätze übernommen hat. Wer war August Kasch? Wann hat die SUB seine Sammlung Hamburger Kostbarkeiten bekommen?
    Ich bin gespannt auf das nächste Bucht mit dem ExLibris „August Kasch“, auf das ich bei meinen Recherchen stoßen werde.
    Herzliche Grüße
    Jörg Beleites

  2. MJGT sagt:

    @Jörg Beleites: Danke für Ihren Kommentar. Die Sammlung des Kaufmanns August Kasch (1873-1943) mit Literatur zu Schleswig-Holstein und Hamburg (10.600 Bde, vielfach Kleinschrifttum in Sammelbänden) wurde von der SUB gegen Kriegsende angekauft. Kasch war u.a. Vorstandsmitglied des Zentralverbands deutscher Konsumvereine. Er war auch Autor von Aufsätzen und Büchern, verfasste z.B. eine Chronik von Reinbek.

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