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Restitution von vier Büchern an die Familie Friedlaender

21. Dezember 2016
von Redaktion — abgelegt in: Aktuelles — 681 Aufrufe  

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Von Anna von Villiez


Ende November konnte die Arbeitsstelle NS-Raubgut – Provenienzforschung vier Bücher der Familie Friedlaender nach Israel restituieren.

In zwei Büchern hatten wir den handschriftlichen Vermerk „Grete Friedlaender Fein“ gefunden.

Autograph Grete Friedlaender

Handschriftlicher Vermerk von Grete Friedlaender geb. Fein, 1926

Bei dem einen Buch handelt es sich um einen Erzählband von dem Schweizer Schriftsteller Bruno Frank, der aufgrund seiner jüdischen Herkunft bereits 1933 Deutschland entfloh. Bei dem zweiten Buch handelte sich um einen Klassiker deutschjüdischer Literatur und um eine frühe jüdische Stimme gegen den erstarkenden Antisemitismus um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert: Julius Goldstein: Rasse und Politik.

Die Recherche nach der Identität der Besitzerin gestaltete sich nicht ganz einfach, da sowohl der Nachname Friedlaender als auch der Vorname Grete bzw. Margarete häufig waren. Nachdem die Hamburger Quellen nicht ergiebig gewesen waren, fanden wir schließlich in der für die Provenienzforschung äußerst hilfreichen Quellenedition von Michael Hepp den entscheidenden Hinweis:

Ausbürgerung

Aus einer Liste zu ausgebürgerten jüdischen Deutschen, veröffentlicht im „Reichsanzeiger“ (Quelle: H Hist 351/28:1)

eine Meldung über die Ausbürgerung einer ausgewanderten vierköpfigen Familie namens Friedländer. Wir recherchierten weiter zu der dort genannten Margarete Friedländer geb. Fein.

Sie wurde am 28.02.1889 in Breslau als Tochter eines Großhändlers für Stoffe und Damenmode namens Abraham Hiller Fein geboren. Sie heiratete Hans Friedlaender, geb. 1886 in Brieg in Schlesien. 1919 und 1922 kamen ihre Tochter Susanne und der Sohn Werner auf die Welt. In Breslau war Grete Friedlaender offenbar recht bekannt und vielseitig aktiv. So ist sie mehrfach in den Erinnerungen des Historikers Willy Cohn erwähnt. 1939 bemühte sie sich um eine möglichst baldige Ausreise aus dem nationalsozialistischen Deutschland. Cohn hält in seinen Erinnerungen vom Mai 1939 fest:

[…] dann kam noch Frau Friedlaender geb. Fein herangeschossen, die Mutter von Suse Friedlaender, wegen Certifikatsfragen; auch ihr Junge ist schon drüben; sie warten eben auch auf die Möglichkeit.

Familienbild Friedlaender

Grete und Hans Friedlaender (stehend) mit ihrem Sohn Werner Shaul (links), seiner Frau Aziza und deren Sohn Yaacov (Mitte) in Israel, 1950er Jahre (Privatbesitz)

Als sich nach 1933 die Lage für die jüdische Familie zunehmend verschlechterte, emigrierten zunächst die beiden Kinder mit der Jugendaliya nach Palästina. Im August 1939 reisten Grete und Hans Friedlaender nach London, wo sie vom Krieg überrascht wurden. Erst 1946 konnten sie ihren Kindern nach Palästina (später Israel) folgen. Grete Friedlaender lebte bis zu ihrem Tod 1966 in Haifa.

Nachdem wir ein wenig mehr über die Biografie von Grete Friedlaender wussten, konnten wir zwei weitere Bücher dieser Provenienz zuordnen, die den Vermerk „Werner Friedlaender“ trugen und also ihrem Sohn gehört hatten: Die Erzählung „Salomo“ des Schweizer Schriftstellers Edmond Fleg sowie „Kriegsbriefe gefallener deutscher Juden“, herausgegeben vom Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten.

Es ist kein Zufall, dass alle diese Bücher entweder einen inhaltlichen Bezug zum Judentum aufweisen oder Autoren mit jüdischen Wurzeln hatten. Denn diese Bücher galten nach 1933 als „unerwünscht“ und wurden daher bei den öffentlichen Versteigerungen der durch die Gestapo von den Auswanderern beschlagnahmten Güter ausgenommen. Bücher jüdischer Autoren, jüdische Religionsliteratur und weitere „verfehmte Literatur“ wurden den öffentlichen Bibliotheken angeboten mit der Auflage, sie gesondert aufzustellen.

Widmung an Werner Friedlaender, 1935

Widmung an Werner Friedlaender, 1935

Werner Friedlaender nannte sich in Israel später Shaul Friedlaender und lebte bis zu seinem Tod 2014 im Kibbutz Lehavot Habashan. Über das Kibbutz fanden wir schließlich seinen Sohn Yaacov, der die vier Bücher nun wieder an sich genommen hat.

 


Restitution of four books to the Friedlaender family

At the end of November the Department for Provenance Research – Nazi looted books restituted four books to the Friedlaender family. In two books we had found the handwritten note „Grete Friedlaender Fein“.

One book is a collection of short stories by the Swiss author Bruno Frank who left Germany as early as 1933 because of his Jewish descendance. The second book is a classic publication in German-Jewish literature and an early voice against the rising antisemitism around the turn of the century: Julius Goldstein’s “Rasse und Politik”.

Verifying the identity of the owner proved to be complicated because the family name „Friedlaender“ as well as the name „Grete“ which might be short for „Margarete“ were very common at the time. After the archival material had not revealed anything meaningful, we finally found a hint in a source edition by Michael Hepp:

a note about the expatriation of an emigrated family from Breslau consisting of four members named Friedlaender. We searched for more information about Margarete Friedländer née Fein” mentioned there.

She was born on 28 February 1889 in Breslau as the daughter of a merchant for textiles and fashion named Abraham Hiller Fein. She married Hans Friedlander (born 1886) in the Silesian town of Brieg. Their two children Susanne and Werner were born in 1919 and 1922. Grete Friedlaender seemed to be a quite well-known and active figure in Breslau. We found various references to her in the memoires of Willy Cohn, a historian based in Breslau. In 1939 she tried to organize the escape from Nazi-Germany. Cohn notes in his memories of May 1939:

[…] dann kam noch Frau Friedlaender geb. Fein herangeschossen, die Mutter von Suse Friedlaender, wegen Certifikatsfragen; auch ihr Junge ist schon drüben; sie warten eben auch auf die Möglichkeit.

[…] and then Mrs Friedlaender née Fein came rushing in, the mother of Suse Friedlaender, and asked about questions concerning the certificate. Her boy has already left and she is also only waiting for an opportunity [to leave, author’s note].

When the situation began to worsen for the Jewish family after 1933, the two children were the first to leave for Palestine with the help of the Youth Aliya. In August 1939 Grete and Hans Friedlaender went to London where they were surprised by the outbreak of the war. They could only join their children in Mandatory Palestine (later Israel) in 1946. Grete Friedlaender lived in Haifa until her death in 1966.

After we knew a little more about Grete Friedlaender and her biography we managed to identify two more books from her family which were inscribed with “Werner Friedlaender” – who was her son. The tale “Salomo” written by the Swiss author Edmond Fleg and a copy of “Kriegsbriefe gefallener deutsche Juden” (“Letters of German Jews killed in action”), published by the Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten (National Association of Jewish front-line Soldiers).

Not surprisingly, all these books either deal with Jewish topics or their authors are of Jewish origin.

These books were banned after 1933 and were therefore not auctioned off after the possessions of emigrated Jews had been seized by the Gestapo. Books by Jewish authors, Jewish religions literature and other banned literature were offered to the local libraries by the Gestapo instead. The libraries were obliged to stock them separately.

Werner Friedlaender changed his name to Shaul Friedlaender in Israel and lived at the Kibbutz Lehavor Habashan until his death in 2014. It was by contacting the kibbutz that we eventually found Yacoov Friedlaender, the son of Shaul. He agreed to take the books into the family’s possession again.

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