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Zum Tod des Editionsphilologen Klaus Hurlebusch (1935–2026)

29. Oktober 2026
von Redaktion — abgelegt in: Aktuelles — 570 Aufrufe

TrauerlilieVon Dr. Mark Emanuel Amtstätter.

„Dem Herbste gelingt Nachbildung des Sommers:“ Diese Zeile der Klopstock-Ode „Die Erinnerung“ hat Klaus Hurlebusch gerne an sonnigen, warmen Herbsttagen zitiert, wenn wir gemeinsam zum Mittagessen gegangen sind. Nie zitiert hat er den auf diese Zeile, auf den Doppelpunkt unmittelbar folgenden Vers: „Aber meine ganze Seel’ ist ernst!“ Dieser abrupt gegensätzliche Vers verweist auf den Untertitel des Gedichts, der lautet: „Auf Ebert nach seinem Tode“. Klaus Hurlebusch ist nun tot.

Meine erste Begegnung mit ihm war im Sommer 1998, als ich als junger Doktorand aus München nach Hamburg fuhr, um die Klopstock-Arbeitsstelle zu besuchen. Ich wusste damals nicht, was für ein großer Editionsphilologe Klaus Hurlebusch war, ich wollte einfach nur unveröffentlichte Handschriften für meine Klopstock-Dissertation einsehen, die er mir gleich in Kopie mitgab, verbunden mit einer selten großzügigen, uneigennützigen Hilfsbereitschaft im Teilen von eigenen Erkenntnissen und aktuellen Forschungsergebnissen – eine Eigenschaft, die ich mir immer zum Vorbild genommen habe. Was für ein nobler, mit feinem, aber auch bisweilen bissigem Humor ausgestatteter Mensch Klaus Hurlebusch war, erfuhr ich erst, als ich das Glück hatte, mit ihm zusammenarbeiten und von ihm das Editionshandwerk erlernen zu dürfen; und so nach und nach erfuhr ich auch, dass er in intensivem Austausch mit dem bedeutenden Editionsphilologen Hans Zeller stand, den er schon 1962 auf einem Editorenkolloquium kennengelernt hatte und dessen neue Technik zur textgenetischen Darstellung von Gedichthandschriften von Conrad Ferdinand Meyer er seinem Hamburger Doktorvater Karl Ludwig Schneider im Oberseminar präsentierte. Diese Technik wurde dann für die von Schneider herausgegebene kritische Georg-Heym-Gesamtausgabe übernommen, an deren erstem Band Klaus Hurlebusch mitarbeitete. 1971 erschien in dem berühmten, von Gunter Martens und Hans Zeller herausgegebenen, für die Editionsphilologie neue Maßstäbe setzenden Sammelband Texte und Varianten. Probleme ihrer Edition und Interpretation sein Aufsatz Zur Aufgabe und Methode der philologischen Forschung, verdeutlicht am Beispiel der historisch-kritischen Edition. Eine Auseinandersetzung mit Hermeneutik und Historismus. Zu dieser Zeit arbeitete Klaus Hurlebusch bereits an der (historisch-kritischen) Hamburger Klopstock-Ausgabe (HKA), deren Mitherausgeber er 1973 wurde und an deren theoretischen und praktischen Grundlegungen er maßgeblich beteiligt war. Die Klopstock-Ausgabe sollte sein Lebenswerk werden.

Mit seiner 1977 im Rahmen der HKA erschienenen Edition des Arbeitstagebuchs Klopstocks, die gleichzeitig auch seine Dissertation war, entwickelte er das System diakritischer Zeichen für die Darstellung textgenetischer Entstehungsprozesse, das fortan für die Hamburger Klopstock-Ausgabe genutzt wurde. Im Rahmen dieser Ausgabe edierte er in der Folge außerdem die Epigramme (1982) und in den Jahren 1989 und 1992 die Briefe des Zeitraums 1767–1772. Dazwischengeschoben war die gemeinsam mit Karl Ludwig Schneider herausgegebene Ernst-Stadler-Ausgabe von 1983. Nach dem Tod seiner Frau Rose-Maria Hurlebusch im Jahr 1989, die seit 1962 die Klopstock-Arbeitsstelle geleitet hatte, übernahm Klaus Hurlebusch bis 2005 die Leitung. Für mich persönlich am beeindruckendsten in dieser Zeit war das Erscheinen des zweiten Bandes, des Apparatbandes zur Gelehrtenrepublik im Jahr 2003. (Den Textband hatte Rose-Maria Hurlebusch herausgegeben.) Dieser 1001 Seiten umfassende Band enthält neben den zu erwartenden höchst komplexen Apparaten zu diesem vielschichtigen Werk etwa 180 einführende Seiten des Herausgebers zum Werk im Allgemeinen sowie immer wieder eingestreute Ausführungen zu einzelnen Aspekten im Besonderen, die inhaltlich als Forschungsbeiträge weit über das übliche Maß hinausgehen: Auf Der Dichter als Grammatiker – der Grammatiker als Dichter werden wir uns noch in der Edition der Grammatischen Gespräche beziehen, die gerade in Arbeit ist. Bei der Edition der Textentwürfe zum geplanten zweiten Teil der Gelehrtenrepublik, die auch in diesem Apparatband herausgegeben werden, hat Klaus Hurlebusch mit der bisherigen Linie der Hamburger Klopstock-Ausgabe, nach der die Varianten der Texte in den vom Text getrennten Einzelapparaten zu finden sind, gebrochen. (Beim Arbeitstagebuch liegt von vornherein ein anderer Fall mit der editorischen Trennung von genetischer Textwiedergabe und Lesefassung vor.) Hier, im zweiten Band der Gelehrtenrepublik, werden nun erstmals in der Ausgabe die Varianten als textgenetischer Fußnotenapparat auf der Textseite präsentiert – eine Darstellungsweise, die dann für die Edition der Hermann-Dramen übernommen wurde und auch bei den Grammatischen Gesprächen zur Anwendung kommen wird. Der in den Herausgebertexten zum zweiten Band der Gelehrtenrepublik erläuterte Teilaspekt der Autorzentrik wurde in einer Einzelstudie weitergeführt: Im Verlag Niemeyer erschien 2001 Klopstock, Hamann und Herder als Wegbereiter autorzentrischen Schreibens. Ein philologischer Beitrag zur Charakterisierung der literarischen Moderne. Es folgten in den Jahren 2010 und 2013 zwei Sammelbände als Zusammenfassungen des bisher Geschriebenen: Buchstabe und Geist, Geist und Buchstabe. Arbeiten zur Editionsphilologie erschien 2010 als fünfzigster Band der Hamburger Beiträge zur Germanistik, drei Jahre später veröffentlichte der Wallstein-Verlag So viel Anfang war selten. Klopstock-Studien. An den für die Hamburger Klopstock-Ausgabe noch ausstehenden Bänden der Oden und der Kleinen Prosaschriften arbeitete Klaus Hurlebusch zusammen mit Horst Gronemeyer weiter, dem früheren Direktor der Staats- und Universitätsbibliothek. „Uns läuft die Zeit davon“ war in diesen Jahren oft von ihm zu hören: Die Oden erschienen in drei Bänden 2010 und 2015, die Kleinen Prosaschriften 2019 und 2021. Diesen beiden Editionen ist anzumerken, dass die Herausgeber die Ausgabe noch zu Lebzeiten vollendet sehen wollten, denn auf umfangreiche Herausgebertexte im Sinne substanzieller Forschungsbeiträge wie bei der Gelehrtenrepublik wurde verzichtet. Es war Klaus Hurlebusch jedoch leider nicht mehr vergönnt, die Vollendung der Hamburger Klopstock-Ausgabe zu erleben. Aber zumindest antizipieren wollte er die ersehnte Fertigstellung noch, in Worten, schwarz auf weiß, in seinem letzten Aufsatz über die Ausgabe: Besser spät als nie. Die Hamburger Klopstock-Ausgabe vor dem Abschluss, erschienen 2022 in der Zeitschrift Editio. Zum 300. Geburtstag Klopstocks im Jahr 2024 folgte zudem als Schlussstein die leicht überarbeitete Neuauflage seiner konzisen Klopstock-Biographie aus dem Jahr 2003.

Klaus Hurlebusch nahm in den letzten Jahren immer noch aktiv Teil am Werden der letzten beiden, noch in Arbeit befindlichen Bände der Hamburger Klopstock-Ausgabe. So durfte ich ihm meine textgenetischen Darstellungen zur Kontrolle schicken oder ihn bei schwierigen Entzifferungsproblemen um Rat fragen. Auf eine meiner letzten Fragen dieser Art, die ich mit den Worten einleitete, was denn er als alter Hase dazu meinen würde, setzte er hinter seinen Entzifferungsvorschlag: lectio leporis vulgo Hasenlesung. Der Hase wird mir fehlen. In diesen Hamburger Herbstwochen hatten wir außergewöhnlich viele sonnige, warme Tage – Tage, an denen dem Herbst Nachbildung des Sommers gelungen ist.

Ein Kommentar zu “Zum Tod des Editionsphilologen Klaus Hurlebusch (1935–2026)”

  1. Dr. Laura Bolognesi sagt:

    Ich möchte mich diesen wunderschönen Worten von Herrn Dr. Amtstätter anschließen und etwas Persönliches hinzufügen.

    Ich kam im Herbst 2001 zu der Arbeitsstelle der Hamburger Klopstock-Ausgabe, als studentische Hilfskraft. Und kurz vor Weihnachten kam das Angebot von Herrn Dr. Hurlebusch (und von Herrn Dr. Riege im Hintergrund), die „Geistlichen Lieder“ herauszugeben. Meine Überraschung war groß, zumal Deutsch nicht meine Muttersprache war. Ich nahm dennoch die Herausforderung an. Nach meiner Magisterprüfung über Luthers Geistliche Lieder stürzte ich mich in eine Arbeit, die unter der feinfühligen und fachkundigen Leitung von Herrn Dr. Hurlebusch so lehrreich und prägend wurde wie ein zweites Studium. Mit dem fertigen Band durfte ich anschließend auch promovieren.

    Mein tiefempfundener Dank gilt einem Gelehrten alter Schule, der die Offenheit besaß, eine Ausländerin als gleichwertige Kollegin in eine der profiliertesten philologischen Unternehmungen der letzten Jahrzehnte zu holen. Heute unterrichte ich selbst Deutsch als Fremdsprache und erzähle meinen Kursteilnehmern oft von dieser Erfahrung – als lebendiges Beispiel dafür und als Ermutigung, dass man auch als Ausländer hier eine solche großartige Chance bekommen kann.

    Gerade in der heutigen Zeit, von Spaltung und Abschottung geprägt, bleiben das Wirken und die Haltung von Herrn Dr. Hurlebusch für mich ein leuchtendes Vorbild.

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