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Unbekannte Zeichnungen und Postkarten Wolfgang Borcherts aufgetaucht

20. November 2022
von Konstantin Ulmer — abgelegt in: Aktuelles,Hamburg,Schätze der Stabi — 351 Aufrufe

Zum 75. Todestag des Autors und zum 75. Jahrestag der Uraufführung seines berühmten Stücks „Draußen vor der Tür“ ergänzt die Staats- und Universitätsbibliothek den Nachlass um zwei kleine Konvolute

Zeichnungen und Postkarten von Wolfgang Borchert

Zeichnungen und Widmungsband Borcherts für seine Bekannte Johanna Ritter-Krems, Ende 1946

 

Im Mai 1945 schleppte sich der 24-jährige Wehrmachtssoldat Wolfgang Borchert nach vier zermürbenden Jahren voller Fronteinsätze, Lazarettaufenthalte und Prozessen wegen Wehrkraftzersetzung in seine Heimatstadt Hamburg zurück. Voller Tatendrang stürzte er sich ins Kulturleben, das zwischen den Trümmern erwacht. Er knüpfte Kontakte zu alten und neuen Bekannten, gründete ein kurzlebiges Theater mit, trat im unpolitischen Kabarett Janmaaten im Hafen auf und wurde als Regieassistent vom Schauspielhaus verpflichtet. Doch sein körperlicher Zustand ließ keine kontinuierliche Arbeit zu. Anfang November 1945 wurde er ins Krankenhaus eingeliefert, wo er als medizinisch hoffnungsloser Fall eingestuft wird.

Auf dem Krankenhausbett schrieb Borchert sein erstes größeres Prosastück. Die Hundeblume erschien als Zeitungsdruck im April/Mai 1946. Die Erzählung, in der ein zum Tode verurteilter Gefangener eine kleine Blume im Gefängnishof zum Objekt seiner Sehnsucht macht, überraschte durch einen bisher unbekannten Ton. Zurück zu Hause, rang sich Borchert in den kurzen Fieberpausen weitere Erzählungen ab, die Themen wie Krieg, Heimkehr, Heimatlosigkeit, Einsamkeit, Lebens- und Liebeshunger, Familie und Kindheit behandeln.

Der endgültige Durchbruch folgte im Februar 1947: Im Nordwestdeutschen Rundfunk lief Borcherts Heimkehrerstück Draußen vor der Tür und provozierte eine aufgeregte Debatte. Aus dem »Allesversucher und Nichtskönner« (Peter Rühmkorf) war innerhalb weniger Monate einer der meistdiskutierten Schriftsteller Nachkriegsdeutschlands geworden. Borcherts Gesundheitszustand verschlechterte sich indes weiter. Im September 1947 trat er in der Hoffnung auf bessere Behandlungsmöglichkeiten eine Reise in die Schweiz an. Eine Besserung blieb jedoch aus. Am 20. November 1947, heute vor 75 Jahren, starb Wolfgang Borchert 26-jährig im Clara-Spital in Basel. Einen Tag später wurde Draußen vor der Tür als Theaterstück in den Hamburger Kammerspielen uraufgeführt.

Die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg hat den Nachlass Borcherts, seit 1976 von der Stabi verwaltet und erschlossen, bereits im vergangenen Jahr, dem 100. Geburtsjahr des Autors, mit einer neuen Dauerausstellung sichtbar und zugänglich gemacht. Der Bestand konnte nun noch erweitert werden: Aus einem privaten Nachlass konnte die Stabi fünf Zeichnungen Wolfgang Borcherts – darunter ein Selbstporträt –, eine signierte Erstausgabe seines Gedichtbands Laterne, Nacht und Sterne und einen gewidmeten Weihnachtsgruß erwerben. Als besonderes Schmuckstück kommt eine Dackelfigur hinzu, die Borchert, so die Überlieferung, während eines Gesprächs für Johanna Ritter-Krems bastelte, die ihm im Nachkriegshamburg in einer Gruppe von jungen Kunst- und Musikliebhaber:innen begegnet war. Entstanden sind die Zeichnungen Ende 1946. Sie verweisen auf ein selten beachtetes Talent des Autors, der als Gelegenheitszeichner Bekannten eine Freude machte oder eigene Texte illustrierte.

Zeichnungen und Postkarten von Wolfgang Borchert

Postkarten Borcherts an Heinrich Christian Meier, Januar bis Juli 1947

 

Ergänzt werden konnte der Nachlass zudem durch ein zweites Borchert-Konvolut aus einem Kieler Antiquariat. Das Konvolut versammelt vier Postkarten, die Borchert zwischen Januar und Juli 1947 an den Hamburger Schriftsteller Heinrich Christian Meier schrieb, der die Schriftleitung in der Kulturzeitschrift Das Neue innehatte. Die Karten berichten vom Willen Borcherts, trotz seines stetig schlechter werdenden gesundheitlichen Zustands am Kulturleben teilzunehmen und seine Texte zum Druck zu befördern. Sichtbar wird auch seine politische Haltung. In einer Karte, gestempelt am 13. Juli 1947, dankt er Meier für Gedichte, die dieser ihm schickte, und führt aus: „Wissen Sie auch, daß wir unsere Augen weit weit offen halten müssen, um nicht noch einmal durch solche Hölle zu müssen – der Kampf ist noch lange nicht zu Ende!“ Als Nachlass-Puzzlestück fügt sich die Karte zu einer gewidmeten Ausgabe von Meiers Gedichtband Der Weg ins Sein, die als Teil von Borcherts Bibliothek bereits in der Stabi ausgestellt wird.

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