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Restitution an die Jüdische Gemeinde Hamburg

25. Juni 2018
von Redaktion — abgelegt in: Aktuelles — 1.450 Aufrufe

Bestände der Jüdischen Gemeindebibliothek Hamburg im Magazin der SUB Hamburg Von Maria Kesting (SUB Hamburg) und Nadine Kulbe (SLUB Dresden).

„…bemühen wir uns bislang leider vergeblich, die Rückführung unserer Bibliothek aus Dresden zu erwirken.“

So zu lesen in einem Schreiben der Jüdischen Gemeinde Hamburg an die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg (SUB) vom 3. Juli 1955. Dass dieses Bemühen einmal von Erfolg gekrönt sein würde, konnte damals niemand ahnen. 1938 wurde die Bibliothek in der Nacht vom 9. auf den 10. November vom Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD) konfisziert und 1939 in 101 Kisten als „Hamburger Judenbibliothek“ nach Berlin ins Reichssicherheitshauptamt überführt.

„Es gehört zu den vornehmlichen Aufgaben unserer Bibliothek, Materialien für die Geschichte unserer Gemeinden zu sammeln.“ (Aus: Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg, Jahrgang 6, Nr.1 [13.1. 1930], S. 2)

Eine jüdische Gemeindebibliothek scheint es in Hamburg bereits seit dem 19. Jahrhundert gegeben zu haben. Aber erst im Zuge der Zusammenlegung der gemeindlichen Büchersammlung mit den Beständen der Lesehallen-Initiative im Jahr 1923 und der Wiedereröffnung als Bibliothek der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg begann die Gemeindebibliothek zu florieren. Mit der Anstellung des Orientalisten Isaak Markon Ende 1928 erfuhr die Bibliothek eine Neuausrichtung. Die Funktionen von Bibliothek und Lesehalle sollten voneinander getrennt werden. Der Lesehalle war die Aufgabe zugedacht, Leser mit belletristischem Stoff zu versorgen und durch Zeitschriften über jüdische Gegenwartsfragen zu orientieren, während die Bibliothek allgemeiner Belehrung und wissenschaftlichem Studium dienen sollte.

Zu den Aufgaben des neuen Bibliothekars gehörten dabei nicht nur die Sichtung und Katalogisierung der vorhandenen Medien, sondern auch die Eingliederung anderer in Hamburg vorhandener Büchersammlungen. Deren Besitzer sollten davon überzeugt werden, dass ihre Bücher in der Gemeindebibliothek einen würdigen Standort finden würden.

„Die Bibliothek … entwickelt sich allmählich zum geistigen Mittelpunkt der Gemeinde.“ (Aus: Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg, Jahrgang 8, Nr.1 (25.1. 1932), S. 1f)

Einen ersten Erfolg konnte Markon bereits im Frühjahr 1929 verzeichnen, als der Nachlass des Rabbiners Nehemiah Anton Nobel, der von 1906 bis 1910 in Hamburg und danach bis zu seinem Tod in Frankfurt am Main gewirkt hatte, für die Bibliothek erworben werden konnte. Im selben Jahr kam die komplette Bibliothek des Vereins der russischen Juden hinzu. In jeder Ausgabe des monatlich erscheinenden Gemeindeblattes wurde Institutionen, Vereinen und Privatpersonen für Bücherspenden gedankt. Diese hatten für den Bestandsaufbau eine große Bedeutung, da der Bibliotheksetat für Neuanschaffungen kaum Spielraum ließ.

Besucherstatistiken, die im Gemeindeblatt im Dezember 1929, im Juli 1930 und im Januar 1932 erschienen, belegen den starken Anstieg der Nutzerzahlen der Gemeindebibliothek, die im April 1931 in die Beneckestraße 6 umgezogen war. 1932 hatte sich die Zahl etwa verdoppelt (auf ca. 40 Personen am Tag gegenüber ca. 20 im Jahr 1929). Die Bibliothek sprach alle Altersstufen und gesellschaftlichen Schichten an, sie wurde über die jüdische Gemeinde hinaus von der akademischen Öffentlichkeit Hamburgs genutzt, verzeichnete aber auch eine rege Fernleihe weit über die Grenzen Hamburgs hinaus.

„Der Gedanke des Trostes in den Werken jüdischer Denker und Dichter“ (Ankündigung eines Vortrages im Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg vom 23.11.1934)

Mit der immer stärkeren Entrechtung der Juden in Deutschland veränderte sich auch die Aufgabe der Gemeindebibliothek. Im Vordergrund stand nicht mehr die Wissenschaft, sondern „der geschützte Raum, der notwendig war für Selbstvergewisserung und Selbststärkung. Lektüre stellte eine Möglichkeit dar, sich vom Alltag zu lösen und geistige Unterstützung zu finden.“ (aus: Jankowski, Alice: Bibliothek, Buch, Leser, in: Theresienstädter Studien und Dokumente, 2005, S. 186)

Nach 1933, bedingt durch die Vertreibungsmaßnahmen der Nationalsozialisten, überhäuften die Gemeindemitglieder, die Hamburg verließen, um ihr Leben zu retten, die Bibliothek mit ihren Büchern. „… zentnerweise mussten sie dann aussortiert werden.“ (aus: Löwenberg, Ernst: Mein Leben in Deutschland)

1938 wurde die Bibliothek vom SD beschlagnahmt und 1939 nach Berlin überführt. Vorübergehend gelangten die Bücher ab 1942 als „Hamburgensie“ in den Besitz der SUB Hamburg, die sie, um sie vor den Einwirkungen des Krieges zu schützen, in ihre sächsischen Depots (Rittergut Weißig und Schloss Hermsdorf in der Nähe von Dresden) verbrachte. So lagerte sie nach Kriegsende in der Sowjetischen Besatzungszone, wo es für die SUB keine Möglichkeit eines Zugriffs gab.

„…bemühen wir uns bislang leider vergeblich, die Rückführung unserer Bibliothek aus Dresden zu erwirken.“ (Schreiben der Jüdischen Gemeinde an die SUB Hamburg vom 3.5.1955)

Dank der unermüdlichen Bemühungen vieler Personen und Institutionen, insbesondere von Helmut Eschwege und mit Hilfe der Jüdischen Gemeinde Dresden gelang 1957 die Rückführung der Bibliothek nach Hamburg. Immerhin 70 Kisten wurden tatsächlich an die Hamburger Gemeinde zurückgegeben.

Seit 2012 wird die Bibliothek der Jüdischen Gemeinde Hamburg als Depositum in der SUB Hamburg auf der Grundlage eines Kooperationsvertrages aufbewahrt.
Im Rahmen eines seit September 2017 an der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) durchgeführten, vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste (DZK) finanzierten NS-Raubgut-Projekts konnten nun drei Bücher aus dem Besitz der Jüdischen Gemeinde Hamburg identifiziert werden. Die Werke waren 1955, 1959 und 1987 auf verschiedenen Wegen in die damalige Sächsische Landesbibliothek Dresden gelangt: als Geschenk der Volksbücherei Hermsdorf bzw. durch antiquarischen Ankauf. Sie müssen irgendwann zwischen 1943 und 1955 aus den Depots der Hamburger SUB von Unbekannten entwendet und weiterveräußert worden sein.

Die SLUB freut sich sehr, die Odyssee der Bücher nun beenden und sie mehr als 70 Jahre nach ihrer verbrecherischen Entwendung restituieren zu können. Auch wenn damit nur ein sehr kleiner Teil der ehemals umfangreichen Bibliothek der Hamburger Jüdischen Gemeinde zurückkehrt, bedeutet doch jedes einzelne Buch den Versuch, die Erinnerung an vergangenes Unrecht wach zu halten.

Eine Antwort zu “Restitution an die Jüdische Gemeinde Hamburg”

  1. M. sagt:

    Hallo,

    ein sehr schöner Artikel. Ich lese solche Stories immer sehr gerne. Schade, dass es keinen Blog (oder sowas in die Richtung) gibt, wo auch von anderen Bibliotheken solche Geschichten gesammelt veröffentlicht werden. Irgendwie schreibt da so jeder seins 🙂

    Liebe Grüße

    M.

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