Ein Stolperstein für Ida Kiewy – und eine Restitution von 1.500 Autographen
27. November 2025
von Redaktion — abgelegt in: Aktuelles — 717 Aufrufe
Von Anneke de Rudder.
Am 5. November in der Johnsallee 29: Vor dem Vorgarten eines schönen Hauses, gar nicht weit weg von der Stabi wird ein messingglänzender neuer Stolperstein in den Gehweg eingelassen. Darauf steht: „Hier wohnte Ida Kiewy geb. Engelmann, Jg. 1868, deportiert 1942 Theresienstadt, befreit“. Wenige dürre Zeilen, die ein ganzes Leben zusammenfassen, das viele Facetten jüdischen Lebens in Hamburg in sich vereint.
Verlegt wird der Stein an diesem sonnigen Novembermorgen von Frank-Matthias Mann und zwei Helfern in Vertretung des Künstlers Gunter Demnig.
Drumherum steht eine kleine Gruppe, darunter die Wissenschaftssenatorin Maryam Blumenthal, der Antisemitismusbeauftragte Stefan Hensel, ein Berliner Antiquar als Abgesandter der Nachfahren von Ida Kiewy, Stabi-Direktor Robert Zepf – und Wiebke von Deylen, Ulrike Preuß und Anneke de Rudder von der Arbeitsstelle Provenienzforschung, die Patinnen dieses Steins. Mit der Verlegung gehört Ida Kiewy nun zu den inzwischen fast 7400 Hamburgerinnen und Hamburgern, an die ein Stolperstein erinnert. Europaweit sind es seit dem Beginn der Initiative 1992 schon gut 116.000 Steine. Mit Recht bezeichnet der Künstler Gunter Demnig sein Projekt als „das größte dezentrale Mahnmal der Welt“.
Warum kam es nun zu diesem Stolperstein? Wie auch schon bei Marie May Reiss und Gustav Gabriel Cohn stand dahinter eine private Initiative von Kolleginnen der Stabi-Arbeitsstelle Provenienzforschung. Bei der Suche nach rechtmäßigen Eigentümern von NS-Raubgut finden sich immer wieder Spuren zu Hamburger Familien, deren Geschichte noch nicht erzählt worden ist – und manchmal entsteht daraus am Ende auch ein Stolperstein.
So geschah es jedenfalls bei Ida Kiewy geb. Engelmann, einer wichtigen Vertreterin der bürgerlichen Hamburger Frauenbewegung. 1912 hatte sie in zweiter Ehe den damals sehr bekannten Hamburger Geschäftsmann und Sammler Hermann Kiewy geheiratet und war mit ihm in die Johnsallee gezogen. Er war ein Witwer mit drei fast erwachsenen Töchtern, die schnell eine gute Beziehung zu ihrer Stiefmutter aufbauten.
Die liberale jüdische Familie Kiewy engagierte sich stark für soziale Belange und für die junge Weimarer Republik. Bereits 1924 starb Hermann Kiewy. Seine Witwe Ida blieb in der Johnsallee, kümmerte sich hier mit viel Elan um ihre wachsende Enkelschar und veranstaltete alljährlich zu Weihnachten ein großes Kinderfest.
In der NS-Zeit wurden die Kiewys wegen ihrer jüdischen Herkunft verfolgt. Ida Kiewy konnte zwar in ihrem Haus bleiben, musste dort jedoch spätestens ab 1939 andere NS-Verfolgte aufnehmen, die ihr zwangsweise zugewiesen wurden. Wie alle jüdischen Verfolgten trieb das NS-Regime Ida Kiewy gezielt in Existenznot und soziale Isolation: durch Zwangsmaßnahmen, Abgaben, Schikanen, erzwungene Verkäufe und totale Entrechtung.
1937 floh Ida Kiewys jüngste Stieftochter Margot Cohn mit Mann und Kindern aus Hamburg in die USA. 1938 und 1939 konnten ihre Enkel Lotte und Rudolf Götz, die sehr viel Zeit in der Johnsallee verbracht hatten, noch nach England fliehen. Auch viele Freunde und Bekannte verließen Hamburg.
Ida Kiewy blieb in der Stadt und musste miterleben, wie ihre Stieftochter Gertrud Götz mit Mann und jüngstem Sohn Hermann im Oktober 1941 aus der nahegelegenen Bieberstraße „in den Osten“ deportiert wurde. Ein halbes Jahr später traf es Ida Kiewy selbst: Am 19. Juli 1942 brachte man sie zusammen mit ihren Mietern und knapp 800 anderen jüdischen Hamburger:innen zunächst in die Schule Schanzenstraße, von dort zum Hannoverschen Bahnhof und schließlich mit dem Zug ins Lager Theresienstadt, das in der NS-Zeit beschönigend „Altersghetto“ genannt wurde.
Wie bei allen jüdischen Verfolgten beschlagnahmte die Gestapo nach der Deportation Ida Kiewys gesamtes noch vorhandenes Eigentum, um es so schnell wie möglich zu „verwerten“. Darunter waren der restliche Hausrat und die wertvollen Sammlungen ihres verstorbenen Mannes Hermann Kiewy. Als Bibliotheksdirektor Gustav Wahl davon erfuhr, beschloss er die Gelegenheit zu nutzen: Noch im August 1942 schickte er einen Mitarbeiter in die Johnsallee 29 und ließ ihn Hermann Kiewys berühmte Autographenammlung sichten. Kurz vor seiner Pensionierung Ende des Jahres sicherte der Direktor seiner Bibliothek dann den Erwerb von mehr als 5.000 Autographen, die weit unter Wert angekauft wurden (siehe dazu auch den entsprechenden Abschnitt in unserer Online-Ausstellung zu NS-Raubgut in den Sondersammlungen der Stabi).
Wie im NS-Verfolgungssystem üblich ging die Kaufsumme nicht an Ida Kiewy als rechtmäßige Eigentümerin, sondern an das Oberfinanzpräsidium, das die Beschlagnahmung angeordnet hatte. Die Sammlung wurde in der Bibliothek zunächst nur grob inventarisiert, sie sollte später in Ruhe geordnet und erschlossen werden. Schon ab April 1943 lagerte man die Autographen und andere wichtige Bibliotheksbestände allerdings kriegsbedingt ins sächsische Schloss Lauenstein aus.
Etwa 70 Kilometer weiter südöstlich war Ida Kiewy derweil weiter in Theresienstadt eingesperrt, wo die Lebensbedingungen jeden Tag schlimmer wurden. Jahrelang erlebte sie, wie ein Deportationszug nach dem anderen das Ghetto verließ. Es traf Leidensgefährten, Freunde und Verwandte, von denen die Zurückgebliebenen nie wieder etwas hörten. Theresienstadt bedeutete ein Leben in Angst, Kälte und Dreck, mit Hunger, Krankheiten und brutalen Selektionen. Dazu kam stets die nagende Furcht, wen es wohl als nächstes treffen würde.
Als dann Anfang 1945 im Lager plötzlich das Gerücht von einem anstehenden Transport in die Schweiz die Runde machte, war die Skepsis verständlicherweise groß. Es gab Ghettobewohner:innen, die aus Angst vor einer Falle ihren Namen von der Liste streichen ließen. Erstaunlicherweise sollte dies jedoch wirklich ein Zug in die Freiheit werden. Er beruhte auf einer erstaunlichen Abmachung zwischen dem kurz vor Kriegsende taktisch agierenden SS-Chef Heinrich Himmler und verschiedenen Schweizer Unterhändlern. Am 5. Februar 1945 verließen 1.200 Personen das Ghetto Theresienstadt Richtung Schweizer Grenze, bis zuletzt im Unklaren über das wahre Ziel.
Zu dieser Gruppe gehörte Ida Kiewy. Zwei Tage später erreichte ihr Zug die rettende Schweiz. Dort blieb Ida Kiewy bis zum Mai 1946, als sie endlich zu ihren Kindern in die USA ausreisen konnte.
1950 gab Ida Kiewy ihrem Leben noch ein letztes Mal eine neue Wendung: 82-jährig kehrte sie aus New York nach Hamburg zurück. Mit Unterstützung ihres Berliner Schwiegersohns Kurt Budy kämpfte sie nun von Deutschland aus um eine angemessene Wiedergutmachung. Die verschiedenen Rückerstattungs- und Entschädigungsverfahren, voller bürokratischer Schikanen, zogen sich allerdings über viele Jahre hin. Am Ende erlebte Ida Kiewy deren Abschluss nicht mehr. Sie starb am 19. Februar 1953 in Hamburg. Erst 1959 wurde das Verfahren zu den beschlagnahmten Sammlungen, die alle als verloren galten, mit einem Vergleich abgeschlossen.
Fast vierzig Jahre später gab es dazu noch ein überraschendes Nachspiel: Ein Teil von Hermann Kiewys verschollen geglaubter Autographensammlung, die offenbar nach Kriegsende in die Sowjetunion verbracht worden war, kehrte 1998 aus einer Bibliothek in Armenien in die Stabi zurück. Von den über 5.000 Autographen vieler bekannter Persönlichkeiten aus dem europäischen Geistesleben kamen gut 1.500 wieder nach Hamburg. Noch einmal zwanzig Jahre
später wurden diese Autographen dann im Zuge der Provenienzforschung an der Stabi als NS-Raubgut identifiziert. Es begann die Suche nach den Erb:innen – und die Rekonstruktion der Familiengeschichte von Ida und Hermann Kiewy. Schließlich konnte die Bibliothek die Autographen im Juni 2025 an eine Erbengemeinschaft restituieren. Die Idee des Stolpersteins gefiel der Familie. Leider konnten sie bei der Verlegung am 5. November nicht dabei sein – aber spätere Besuche in Hamburg sind in Planung.
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