{"id":25151,"date":"2018-06-25T10:23:02","date_gmt":"2018-06-25T08:23:02","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.sub.uni-hamburg.de\/?p=25151"},"modified":"2022-08-24T15:14:14","modified_gmt":"2022-08-24T13:14:14","slug":"restitution-an-die-juedische-gemeinde-hamburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.sub.uni-hamburg.de\/?p=25151","title":{"rendered":"Restitution an die J\u00fcdische Gemeinde Hamburg"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.sub.uni-hamburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/juedgembibhh-gr.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"25159\" data-permalink=\"https:\/\/blog.sub.uni-hamburg.de\/?attachment_id=25159\" data-orig-file=\"https:\/\/blog.sub.uni-hamburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/juedgembibhh.jpg\" data-orig-size=\"350,263\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"juedgembibhh\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/blog.sub.uni-hamburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/juedgembibhh.jpg\" src=\"https:\/\/blog.sub.uni-hamburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/juedgembibhh.jpg\" alt=\"Best\u00e4nde der J\u00fcdischen Gemeindebibliothek Hamburg im Magazin der SUB Hamburg\" title=\"Best\u00e4nde der J\u00fcdischen Gemeindebibliothek Hamburg im Magazin der SUB Hamburg\" width=\"350\" height=\"263\" class=\"alignright size-full wp-image-25159\" srcset=\"https:\/\/blog.sub.uni-hamburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/juedgembibhh.jpg 350w, https:\/\/blog.sub.uni-hamburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/juedgembibhh-150x113.jpg 150w, https:\/\/blog.sub.uni-hamburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/juedgembibhh-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/a> <em>Von Maria Kesting (SUB Hamburg) und Nadine Kulbe (SLUB Dresden).<\/em><\/p>\n<blockquote><p>\n<strong> <span style=\"color:#fdb7b8;\">\u201e\u2026bem\u00fchen wir uns bislang leider vergeblich, die R\u00fcckf\u00fchrung unserer Bibliothek aus Dresden zu erwirken.\u201c<\/span><\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>So zu lesen in einem Schreiben der J\u00fcdischen Gemeinde Hamburg an die Staats- und Universit\u00e4tsbibliothek Hamburg (SUB) vom 3. Juli 1955. Dass dieses Bem\u00fchen einmal von Erfolg gekr\u00f6nt sein w\u00fcrde, konnte damals niemand ahnen. 1938 wurde die Bibliothek in der Nacht vom 9. auf den 10. November vom Sicherheitsdienst des Reichsf\u00fchrers SS (SD) konfisziert und 1939 in 101 Kisten als \u201eHamburger Judenbibliothek\u201c nach Berlin ins Reichssicherheitshauptamt \u00fcberf\u00fchrt.<\/p>\n<blockquote><p><strong><span style=\"color:#fdb7b8;\">\u201eEs geh\u00f6rt zu den vornehmlichen Aufgaben unserer Bibliothek, Materialien f\u00fcr die Geschichte unserer Gemeinden zu sammeln.\u201c<\/span><\/strong> (Aus: Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg, Jahrgang 6, Nr.1  [13.1. 1930], S. 2)<\/p><\/blockquote>\n<p>Eine j\u00fcdische Gemeindebibliothek scheint es in Hamburg bereits seit dem 19. Jahrhundert gegeben zu haben. Aber erst im Zuge der Zusammenlegung der gemeindlichen B\u00fcchersammlung mit den Best\u00e4nden der Lesehallen-Initiative im Jahr 1923 und der Wiederer\u00f6ffnung als Bibliothek der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg begann die Gemeindebibliothek zu florieren. Mit der Anstellung des Orientalisten Isaak Markon Ende 1928 erfuhr die Bibliothek eine Neuausrichtung. Die Funktionen von Bibliothek und Lesehalle sollten voneinander getrennt werden. Der Lesehalle war die Aufgabe zugedacht, Leser mit belletristischem Stoff zu versorgen und durch Zeitschriften \u00fcber j\u00fcdische Gegenwartsfragen zu orientieren, w\u00e4hrend die Bibliothek allgemeiner Belehrung und wissenschaftlichem Studium dienen sollte.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Zu den Aufgaben des neuen Bibliothekars geh\u00f6rten dabei nicht nur die Sichtung und Katalogisierung der vorhandenen Medien, sondern auch die Eingliederung anderer in Hamburg vorhandener B\u00fcchersammlungen. Deren Besitzer sollten davon \u00fcberzeugt werden, dass ihre B\u00fccher in der Gemeindebibliothek einen w\u00fcrdigen Standort finden w\u00fcrden. <\/p>\n<blockquote><p><strong><span style=\"color:#fdb7b8;\">\u201eDie Bibliothek \u2026 entwickelt sich allm\u00e4hlich zum geistigen Mittelpunkt der Gemeinde.\u201c<\/span><\/strong> (Aus: Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg, Jahrgang 8, Nr.1  (25.1. 1932), S. 1f)<\/p><\/blockquote>\n<p>Einen ersten Erfolg konnte Markon bereits im Fr\u00fchjahr 1929 verzeichnen, als der Nachlass des Rabbiners Nehemiah Anton Nobel, der von 1906 bis 1910 in Hamburg und danach bis zu seinem Tod in Frankfurt am Main gewirkt hatte, f\u00fcr die Bibliothek erworben werden konnte. Im selben Jahr kam die komplette Bibliothek des Vereins der russischen Juden hinzu. In jeder Ausgabe des monatlich erscheinenden Gemeindeblattes wurde Institutionen, Vereinen und Privatpersonen f\u00fcr B\u00fccherspenden gedankt. Diese hatten f\u00fcr den Bestandsaufbau eine gro\u00dfe Bedeutung, da der Bibliotheksetat f\u00fcr Neuanschaffungen kaum Spielraum lie\u00df. <\/p>\n<p>Besucherstatistiken, die im Gemeindeblatt  im Dezember 1929, im Juli 1930 und im Januar 1932 erschienen, belegen den starken Anstieg der Nutzerzahlen der Gemeindebibliothek, die im April 1931 in die Beneckestra\u00dfe 6 umgezogen war. 1932 hatte sich die Zahl etwa verdoppelt (auf ca. 40 Personen am Tag gegen\u00fcber ca. 20 im Jahr 1929). Die Bibliothek sprach alle Altersstufen und gesellschaftlichen Schichten an, sie wurde \u00fcber die j\u00fcdische Gemeinde hinaus von der akademischen \u00d6ffentlichkeit Hamburgs genutzt, verzeichnete aber auch eine rege Fernleihe weit \u00fcber die Grenzen Hamburgs hinaus.<\/p>\n<blockquote><p><strong><span style=\"color:#fdb7b8;\">\u201eDer Gedanke des Trostes in den Werken j\u00fcdischer Denker und Dichter\u201c<\/span><\/strong> (Ank\u00fcndigung eines Vortrages im Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg vom 23.11.1934)<\/p><\/blockquote>\n<p>Mit der immer st\u00e4rkeren Entrechtung der Juden in Deutschland ver\u00e4nderte sich auch die Aufgabe der Gemeindebibliothek. Im Vordergrund stand nicht mehr die Wissenschaft, sondern \u201eder gesch\u00fctzte Raum, der notwendig war f\u00fcr Selbstvergewisserung und Selbstst\u00e4rkung. Lekt\u00fcre stellte eine M\u00f6glichkeit dar, sich vom Alltag zu l\u00f6sen und geistige Unterst\u00fctzung zu finden.\u201c (aus: Jankowski, Alice: Bibliothek, Buch, Leser, in: Theresienst\u00e4dter Studien und Dokumente, 2005, S. 186)<\/p>\n<p>Nach 1933, bedingt durch die Vertreibungsma\u00dfnahmen der Nationalsozialisten, \u00fcberh\u00e4uften die Gemeindemitglieder, die Hamburg verlie\u00dfen, um ihr Leben zu retten, die Bibliothek mit ihren B\u00fcchern. \u201e\u2026 zentnerweise mussten sie dann aussortiert werden.\u201c (aus: L\u00f6wenberg, Ernst: Mein Leben in Deutschland)<\/p>\n<p>1938 wurde die Bibliothek vom SD beschlagnahmt und 1939 nach Berlin \u00fcberf\u00fchrt. Vor\u00fcbergehend gelangten die B\u00fccher ab 1942 als \u201eHamburgensie\u201c in den Besitz der SUB Hamburg, die sie, um sie vor den Einwirkungen des Krieges zu sch\u00fctzen, in ihre s\u00e4chsischen Depots (Rittergut Wei\u00dfig und Schloss Hermsdorf in der N\u00e4he von Dresden) verbrachte. So lagerte sie nach Kriegsende in der Sowjetischen Besatzungszone, wo es f\u00fcr die SUB keine M\u00f6glichkeit eines Zugriffs gab.<\/p>\n<blockquote><p>\n<strong><span style=\"color:#fdb7b8;\">\u201e\u2026bem\u00fchen wir uns bislang leider vergeblich, die R\u00fcckf\u00fchrung unserer Bibliothek aus Dresden zu erwirken.\u201c<\/span><\/strong> (Schreiben der J\u00fcdischen Gemeinde an die SUB Hamburg vom 3.5.1955)<\/p><\/blockquote>\n<p>Dank der unerm\u00fcdlichen Bem\u00fchungen vieler Personen und Institutionen, insbesondere von Helmut Eschwege und mit Hilfe der J\u00fcdischen Gemeinde Dresden gelang 1957 die R\u00fcckf\u00fchrung der Bibliothek nach Hamburg. Immerhin 70 Kisten wurden tats\u00e4chlich an die Hamburger Gemeinde zur\u00fcckgegeben.<\/p>\n<p>Seit 2012 wird die Bibliothek der J\u00fcdischen Gemeinde Hamburg als Depositum in der SUB Hamburg auf der Grundlage eines Kooperationsvertrages aufbewahrt.<br \/>\nIm Rahmen eines seit September 2017 an der S\u00e4chsischen Landesbibliothek \u2013 Staats- und Universit\u00e4tsbibliothek Dresden (SLUB) durchgef\u00fchrten, vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste (DZK) finanzierten NS-Raubgut-Projekts konnten nun drei B\u00fccher aus dem Besitz der J\u00fcdischen Gemeinde Hamburg identifiziert werden. Die Werke waren 1955, 1959 und 1987 auf verschiedenen Wegen in die damalige S\u00e4chsische Landesbibliothek Dresden gelangt: als Geschenk der Volksb\u00fccherei Hermsdorf bzw. durch antiquarischen Ankauf. Sie m\u00fcssen irgendwann zwischen 1943 und 1955 aus den Depots der Hamburger SUB von Unbekannten entwendet und weiterver\u00e4u\u00dfert worden sein.<\/p>\n<p>Die SLUB freut sich sehr, die Odyssee der B\u00fccher nun beenden und sie mehr als 70 Jahre nach ihrer verbrecherischen Entwendung restituieren zu k\u00f6nnen. Auch wenn damit nur ein sehr kleiner Teil der ehemals umfangreichen Bibliothek der Hamburger J\u00fcdischen Gemeinde zur\u00fcckkehrt, bedeutet doch jedes einzelne Buch den Versuch, die Erinnerung an vergangenes Unrecht wach zu halten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Maria Kesting (SUB Hamburg) und Nadine Kulbe (SLUB Dresden). \u201e\u2026bem\u00fchen wir uns bislang leider vergeblich, die R\u00fcckf\u00fchrung unserer Bibliothek aus Dresden zu erwirken.\u201c So zu lesen in einem Schreiben der J\u00fcdischen Gemeinde Hamburg an die Staats- und Universit\u00e4tsbibliothek Hamburg (SUB) vom 3. Juli 1955. 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