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Stabi erwirbt wiederentdeckte Autographen Georg Heyms

11. Januar 2022
von Konstantin Ulmer — abgelegt in: Aktuelles,Hamburg — 706 Aufrufe

Briefkonvolut Georg Heym Die Handschrift eines großen Expressionisten.

Zum 110. Todestag Georg Heyms kann die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg eine spektakuläre Neuerwerbung präsentieren: Die Tochter Karl Ludwig Schneiders, Herausgeber der Heym-Gesamtausgabe, übergab der Stabi fünfzehn Briefe und Postkarten aus der Feder des großen expressionistischen Dichters. Die Autographen hatten sich im Nachlass ihres 1981 verstorbenen Vaters befunden.

Prof. Robert Zepf (Direktor der SUB):

Wir sind sehr froh, dass wir durch diese Erwerbung den in der Staats- und Universitätsbibliothek bewahrten Nachlass Georg Heyms um fünfzehn Dokumente aus dem Besitz von Karl Ludwig Schneider ergänzen können. Prof. Schneider war der Universität Hamburg eng verbunden – und hat als Herausgeber der Gesamtausgabe hier über viele Jahrzehnte zu Heym geforscht. Es ist schön, dass seine Lebensleistung durch diese kleine Nachlassergänzung hier in Hamburg auf Dauer dokumentiert wird.


Viel Stoff für Geschichten bieten Leben, Werk und Nachleben Heyms seit jeher. Nachdem der hochtalentierte Dichter 24-jährig tödlich verunglückt war, als er einem engen Freund zu Hilfe eilen wollte, der im Januar 1912 beim Eislaufen eingebrochen war, versuchte Heyms Vater zunächst, den schriftstellerischen Nachlass seines Sohnes unter Verschluss zu halten. Georg, der wildlebende und frühverstorbene, der ganz und gar nicht in das reaktionäre Weltbild seines Vaters passte, habe den Eltern gegenüber zuletzt außerdem „wiederholt sein inneres Streben nach Ewigkeitswerten bezeugt“. Mit seiner ekstatisch-düsteren Dichtung sollte er nicht in Erinnerung bleiben. Erst als Heyms Vater, ein Militäranwalt, 1917 selbst verstarb, gelang es Verlegern und Freunden, den Nachlass Stück für Stück zu sichten. 1922 gaben Kurt Pinthus und Erwin Loewenson die Gesammelten Werke heraus, die den herausragenden Stellenwert von Heyms Dichtung unterstrichen.

Unveröffentlicht blieben aber zunächst die Tagebücher und andere persönliche Dokumente. Im Koffer von Loewenson gelangten sie 1933 nach Palästina, wohin Heyms Freund und Herausgeber vor den Nazis flüchtete. Rund 25 Jahre später stöberte der Literaturwissenschaftler Karl Ludwig Schneider, der als Mitglied der Widerstandsgruppe Weiße Rose Hamburg ebenfalls von den Nazis verfolgt worden war, Heyms Nachlass dort auf. Der wohlwollende Loewenson überließ ihm die Dokumente für einen Preis, „der weit unter dem lag, den amerikanische Institute angeboten hatten“, wie der Spiegel damals schrieb. Seitdem verwahrt die SUB Hamburg den Nachlass Georg Heyms und stellt ihn Forschenden zur Verfügung. Schneider veröffentlichte Tagebücher, Träume und Briefe 1960 in der von ihm herausgegebenen Werkausgabe.

Die von der SUB erworbene Nachlassergänzung umfasst Postkarten und Briefe aus den Jahren 1910 und 1911, deren Großteil an Loewenson selbst adressiert ist und deren Texte in der Gesamtausgabe bereits veröffentlicht sind. Aufschlussreich sind sie auch abseits des Inhalts: Auf einer der Postkarten, die den Marktplatz von Königs Wusterhausen zeigt, wo Heym, von seinem Vater zu einer rechtswissenschaftlichen Laufbahn gedrängt, voller Missfallen und letztlich erfolglos den juristischen Vorbereitungsdienst zu absolvieren versuchte, kritzelte der Autor einen Hinweispfeil in Richtung seiner Arbeitsstätte mit der Bemerkung „Qualvolles Amtsgericht“.

Bildnis Georg Heyms von Ernst Moritz Engert

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