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Orient und Okzident – Spuren von Krieg und Frieden in Kunst und Kultur des Mittelalters

19. April 2017
von Redaktion — abgelegt in: Schätze der Stabi — 479 Aufrufe  

Streifzüge in der Stabi Hamburg Streifzüge in der Stabi Hamburg.

Beim Kennenlernen der hochkarätigen Handschriftenbestände der Stabi fiel der neuen Referentin für Handschriften, PD Dr. Monika Müller, in einer Psalterhandschrift des 13. Jahrhunderts einiges Faszinierendes auf …

 

Orient und Okzident – Spuren von Krieg und Frieden in Kunst und Kultur des Mittelalters

Orient und Okzident – ihr gespanntes oder friedliches Verhältnis zueinander – sind nicht nur derzeit aktuelle Themen. Das Interesse an der jeweils anderen Kunst und Kultur hat auch nicht erst im Jahr 1480 Spuren hinterlassen, als Sultan Mehmed II. sich in Istanbul bzw. damals noch Konstantinopel von dem venezianischen Maler Gentile Bellini (1429–1507) porträtieren ließ oder man sich in nachfolgenden Jahrhunderten zunehmend für orientalische Stoffe und Sujets der Malerei begeisterte. Umso faszinierender ist ein Blick in weiter zurückliegende Zeiten wie das 12. und 13. Jahrhundert.

Das Verhältnis der beiden Kulturbereiche war nie wirklich einfach, aber auch nie völlig ohne Austausch, sondern häufig friedlich und sich gegenseitig bereichernd. Eroberungen und Kriege schlossen ein Zusammenleben, die kulturelle Begegnung und den wechselseitigen Handel der verschiedenen ethnischen Gruppierungen keineswegs aus: 711 wurde fast ganz Spanien von Nordafrika aus von den Mauren erobert. Erst 1492 gelang es, Granada als deren letzte Bastion im Zuge der Jahrhunderte dauernden Reconquista von dieser Fremdherrschaft zu befreien. Profitiert haben Spanien, Europa, in vielerlei Hinsicht, man denke nur an die farbenprächtige, von islamischen Kunstformen beeinflusste spanische Buchmalerei des Mittelalters, die Architektur oder auch die wichtigen Bereiche der Philosophie und Medizin.

Cod. 120 II, fol. 102r: 'Triumphzug' des Normannen Tankreds als Usurpator in Palermo mit islamischen Musikanten

Abb. 1: Bern, Burgerbibliothek, Cod. 120 II, fol. 102r: „Triumphzug“ des Normannen Tankreds als Usurpator in Palermo mit islamischen Musikanten

(Bildquelle: Liber ad honorem Augusti sive de rebus Siculis: Codex 120 II der Burgerbibliothek Bern; eine Bilderchronik der Stauferzeit / Petrus de Ebulo. Hrsg. von Theo Kölzer und Marlis Stähli. Textrevision und übers. von Gereon Becht-Jördens, Sigmaringen 1994, S. 62–63)

In Süditalien, genauer im apulischen Bari, errichteten Sarazenen unter Anführung des Berbers Khalfun von 847–871 gewaltsam ein arabisches Emirat. In Palermo, dem Regierungssitz der Normannen und Staufer spielten Sarazenen (eine Sammelbezeichnung des lateinischen Westens für islamische Völker) und Araber auch im ausgehenden 12. Jahrhundert z.B. noch als Musikanten, Ärzte und Schreiber bei Hofe eine wichtige Rolle. In den kolorierten Zeichnungen des Liber ad honorem Augusti sive de rebus Siculis, einer um 1195 von Petrus von Ebulo verfassten und dem Staufer-Kaiser Heinrich VI. gewidmeten Vers-Chronik sind sie in diesen Funktionen zu sehen. (Abb. 1).

Unrühmlich taten sich christliche Kreuzritter hervor, als sie 1204 in Konstantinopel plünderten und mordeten und so zahlreiche Schätze in den Westen gelangten, z.B. Reliquiare, Handschriften und Textilien. Umgekehrt floss Blut, als der bereits erwähnte Sultan Mehmed II. 1453 Konstantinopel eroberte und dem osmanischen Reich einverleibte oder seine Truppen 1480 im süditalienischen Otranto 800 Christen enthaupteten.

Auf beiden Seiten geschah also immenses Unrecht, und dennoch haben sich markante Spuren des Kontakts und des kulturellen Austauschs erhalten: Die Christen nahmen die islamische Seite zwar als Feind oder auch als Angehörige einer ketzerischen Sekte wahr. Abt Petrus Venerabilis (gestorben 1156) gab jedoch die erste Übersetzung des Korans ins Lateinische in Auftrag, um ausdrücklich mit Worten, mit Vernunft und Liebe und nicht mit Hass und Waffen wie seine weltlichen Vorgänger und Zeitgenossen gegen den Islam zu kämpfen.

Fast schon verwegen mag in diesem Zusammenhang allerdings eine Motivübernahme aus der islamischen in die christliche Kultur erscheinen, die in einer Psalterhandschrift der SUB Hamburg (Cod. in scrin. 83) zu sehen ist. Vermutlich um 1250 in Köln oder in Trier entstanden, wurden darin zwei Miniaturen mit einem auffälligen ornamentalen Rahmenband geschmückt (Abb. 2–4b). Das Ornament dieser beiden Seiten unterscheidet sich von dem Schmuck der übrigen Miniaturen der Handschrift und kommt im Aussehen arabischen Schriftzügen des Kufi nahe.

Cod. in scrin. 83, fol. 5v: Psalter

Abb. 2: Hamburg, SUB, Cod. in scrin. 83, fol. 5v: Psalter, um 1250: Auferstehung Christi

Cod. in scrin. 83, fol. 7v: Psalter

Abb. 3: Hamburg, SUB, Cod. in scrin. 83, fol. 7v: Psalter, um 1250: Auferstehung Christi

Detail von fol. 5v

Abb. 4 a: Detail von fol. 5v

Detail von fol. 7v

Abb. 4 b: Detail von fol. 7v

 

Kufischrift (vgl. Abb. 5), benannt nach der Stadt Kufa im Irak, weist an sich einen stark ornamentalen Charakter auf.

Cod. in scrin. 153a, fol. 5: Koranfragment in Kufi

Abb. 5 Hamburg, SUB, Cod. in scrin. 153a, fol. 5: Koranfragment in Kufi, zu datieren in die Jahre 850–900 oder 900–950

Dies hat man nicht nur im Orient so empfunden und sie auch zum Schmuck heiliger Orte wie der Moschee verwendet, in denen figürliche Darstellungen verboten waren. Vielmehr haben sich auch im Westen Spuren davon erhalten, darunter z. B. der von Francesco Babudri als „Allah“ gelesene Schriftzug im Fußbodenmosaik der Apsis in der christlichen Pilgerkirche San Nicola in Bari (Apulien / Süditalien) aus dem 12. Jahrhundert (Abb. 6). Kurt Erdmann stellte 1954 über 140 Beispiele vor, die sich aus dem 11.–14. Jahrhundert in der Buch- und Wandmalerei sowie der Skulptur Deutschlands, Englands, Frankreichs und Italiens erhalten haben.

Bari, Kathedrale San Nicola

Abb. 6: Bari, Kathedrale San Nicola, Chorapsis mit Bischofsthron und Fußbodenmosaik: im hinteren Bereich das Kufi-Schriftband. (Bildquelle: Slideshow)

Deutlich zu sehen ist sowohl bei dem Beispiel in Hamburg als auch in Bari das Interesse an den symmetrischen Qualitäten dieser Schrift bzw. an der Möglichkeit, diese dahingehend zu verändern. Nicht immer klar ist, ob die ursprüngliche Bedeutung der arabischen Schriftzüge im Westen bekannt war und auch verstanden wurde. Ist diese Verwendung von Pseudo-Kufi in der Buchmalerei des 13. Jahrhunderts ähnlich wie die Verwendung islamischer Textilien für die Umhüllung christlicher Reliquien und Handschriften vor allem als Schmuck mit fremden Reizen zu verstehen? Es fällt jedenfalls auf, dass im Hamburger Psalter gerade theologisch so wichtige Themen wie die Auferstehung Christi und der Stammbaum Christi von fremdländisch anmutenden Zeichen umgeben sind, die als Pseudo-Kufi bezeichnet werden können.

Der Berliner Orientalist Claus-Peter Haase – herzlicher Dank für seine Expertise –, tippt aufgrund des Aussehens dieser Pseudo-Kufi-Schrift auf ein Vorbild aus dem westlichen arabischen Raum, vielleicht aus Andalusien oder Nordafrika. Er hält es zudem für möglich, das Wort „mulk“, d.h. Königtum, als Bestandteil des Ornamentbands zu lesen. Die kleinen Kreuze, die z.T. im Rahmenband zu sehen sind, sind ihm zufolge nicht nur einfache Zeichen der Christianisierung der Kufi-Schrift. Vielmehr gebe es auch im Arabischen mittig positionierte Zierzeichen, und zwar zur Füllung von Freiräumen zwischen Buchstäben mit hohen Schäften.

In jedem Fall handelt es sich um ein bemerkenswertes Zeugnis des Kulturtransfers, d.h. der Aufnahme und Anverwandlung von zuvor unbekannten Formen in das eigene Repertoire künstlerischer Ausdrucksmittel. Von der zuweilen greifbaren feindseligen Stimmung mancher Berichte über die Überfälle der Sarazenen wie bei Leo von Ostia (1046–1115), in dessen Chronik neben Wut und Grimm höchstens noch Bewunderung für deren Mut, aber kaum Positives mitschwingt, unterscheidet sich diese gekonnte Verwendung der Kufi-Schrift im Psalter der Stabi Hamburg merklich.

Monika E. Müller

Literatur

  • Francesco Babudri: Il monogramma di Allah nel pavimento absidale superiore, in: Japigia. Rivista di archeologia, storia e arte 12/3 (1941), S. 149–178.
  • Tilo Brandis (Beschr.): Die Codices in scrinio der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg 1–110, Hamburg 1972, S. 133–134.
  • Carl Brockelmann: Katalog der orientalischen Handschriften der Staats- und Universitätsbibliothek zu Hamburg. Die arabischen, persischen, türkischen, malaiischen, koptischen, syrischen und äthiopischen Handschriften, Hamburg 1969 (reprint), Nr. 15, S. 7.
  • Kurt Erdmann: Arabische Schriftzeichen als Ornamente in der abendländischen Kunst des Mittelalters. Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Abhandlungen der geistes- und sozialwissenschaftlichen Klasse Jahrgang 1953, Nr. 9, Wiesbaden 1954.
  • Monika E. Müller: Sarazenen und andere Orientalen – Differenz und Gegenidentität als Gestaltungsprinzipien in der apulischen Konsolplastik (12.–15. Jahrhundert), in: Peter Bell, Dirk Suckow, Gerhard Wolf (Hg.): Fremde in der Stadt. Ordnungen, Repräsentationen und soziale Praktiken, Frankfurt / Main u.a. 2010, S. 63–87.

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